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Arbeiten des Fotografen Alfred Steffen Berlin

Das SZ-Magazin liegt jeden Freitag der renommierten Süddeutschen Zeitung (verkaufte Auflage: über 418.000) bei. Und seit Jahren wird jede Woche ein prominenter Zeitgenosse zum mimisch-minimalistischen Interview gebeten, was soviel heisst wie eine Frage = eine Pose.

Grossen Wirbel verursachte  das tolle Cover mit zum Gruss ausgestrecktem Mittelfinger von SPD Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, der mit der deutschen Über-Mutti und CDU in Personalunion Angela Merkel um die Macht in Deutschland rang. Wir fragten bei Alfred nach seiner Sicht der Dinge.

 

Du hast soeben Peer Steinbrück fotografiert. Wie wird man dafür ausgewählt?

Die SZ hat grundsätzlich einen Stamm an Fotografen die für sie "Sagen Sie jetzt Nichts" fotografieren. Ich habe das Glück Berlin zu betreuen. So habe ich über die Jahre schon um die 125 Portraits für die Kolume beigesteuert.

Woher stammt die Idee zu der Kolumne?

Entwickelt wurde sie ursprünglich von AD Mirko Borsche, sie geht allerdings auf ein ganz tolles Buch von Philippe Halsmann aus den 50ern zurück. Es heisst "The Frenchman" und beinhaltet so lustige Fragen wie "How do you think about America?" pantomimisch alles umgesetzt mit dem tollen französischen Schauspieler Fernandel. (Hier seht ihr ein Beispiel auf Silverscreenoasis.com, lohnt sich !)

Wann wusstest Du das Peer Steinbrück für Berlin an der Reihe war?

Meist erfährt man bereits ein zwei Wochen vorher, wer wann kommen soll. Man muss ja auch seine restlichen Jobs planen. Wenn natürlich spontan jemand aus Hollywood in Berlin ist, kann es auch deutlich schneller gehen. Die Fragen zum Shooting bekommt man dann allerspätestens am Abend vorher. Bei den Shootings ist dann übrigens ganz, ganz selten ein Redakteur dabei.

Und kam Peer Steibrück dann alleine? Und wie viel Zeit hat man für die Motive, wo wurde fotografiert?

Zuerst war das Willy-Brandt Haus angefragt, dann sollte die Geschichte in seinem Bundestagsbüro fotografiert werden. Hier gab es aber alleine wegen der Sicherheit so viele Auflagen, dass es purer Stress zu werden drohte. Also schlug ich vor, in meinem Studio zu fotografieren, es liegt direkt um die Ecke, nur drei Minuten mit dem Auto vom Bundestag entfernt.

Peer Steinbrück kam dann nur mit seinem Pressesprecher und war sehr tiefenentspannt. Kurz Kaffee bzw. Getränke, nichts Aussergewöhnliches eigentlich. Dann erkläre ich immer kurz das Procedere und los geht's. Wichtig ist hier zu wissen, dass ich pro Frage wirklich nur ein Foto mache. Derjenige oder diejenige hat eine Minute Zeit sich eine Geste oder Postion zu überlegen - dann drücke ich ab. Man hat natürlich am Schluss eine zweite Chance wenn man mit dem Ergebnis total unzufrieden ist. Aber meine Erfahrung bei dem Format ist tatsächlich, dass das erste Foto zumeist auch das Beste ist.

Die Redaktion schickt im Vorfeld insgesamt 16 Fragen. Das heisst also auch 16 Motive die man umsetzen sollte. Das geht alles superschnell und ist tatsächlich sehr kreativ. Fragen auf die man gar keine Lust hat kann man streichen, da es ja eh nur sieben ins Magazin schaffen. Wenn jemand gar keine Idee hat. frage ich auch mal nach, aber im Grunde halte ich mich immer zurück um das Ergebnis nicht zu verfälschen. Hier hatte Herr Steinbrück aber gar keine Probleme, im Gegenteil - er war sehr kreativ und sehr spontan.

Dann kam natürlich die Frage der Fragen ("Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi - um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?"), worauf Du natürlich hinaus willst .... also, sein Sprecher wollte sie erst gar nicht vorlesen, das habe dann ich übernommen. Und der Finger kam noch bevor ich die Frage zu Ende gelesen hatte. Ich musste ihn dann tatsächlich bitten die Geste für das Foto noch einmal zu wiederholen, was er bereitwillig tat.

Im Anschluss habe ich die Fotos auf den Rechner gezogen, man schaut gemeinsam durch, und der Fotografierte gibt sie frei. Der Pressesprecher hatte Probleme mit besagtem Motiv, er sagte wortwörtlich "Bauchschmerzen", aber Herr Steinbrück hat es konsequent und souverän durchgewunken. Kurze Verabschiedung und weg waren sie.

Warst Du vom Ergebnis selber überrascht? Und wann wusstest Du : es wird das Cover?

Ich habe die 16 Bilder danach zur Redaktion geschickt - die mich sofort zurückrief mit der Frage, ob die Bilder tatsächlich alle freigeben sind. Ich selber hatte eigentlich schon beim Shooting ein gutes Gefühl, ich fand den Finger in dem Moment auch gar nicht so spektakulär und war über den Wirbel der aktuell gemacht wird überrascht.

Zwei Wochen später wusste ich dann es wird das Cover (die Strecke mit den weiteren Fragen findet Ihr online auf der SZ). Und als dann einen Tag vor Veröffentlichung, am Donnerstag Timm Klotzek (Chefredakteur SZ Magazin) das Foto getwittert hat, ging der Medienrummel los. Peer Steinbrück hat den Tweet übrigens selber gesehen und kommentiert, also sozusagen abgesegnet und gab auf seinem eigenen Kanal eine Stellungnahme zum Foto.

Das war ja nicht Dein erstes Shooting für die Rubrik, gab es schon mal ähnlichen Wirbel?

So was hatte ich noch nie, klares Nein.

Wer war Dein Lieblingsprominenter in dieser Rubrik?

Das war eindeutig der Autor Jonathan Safran Foer (Eating Animals, 2009), der war sowas von lustig. Eine Frage lautete bspw. "Wie klingt die Deutsche Sprache?" Wir waren für das Shooting in einem Hotel. Er geht also an den Besteckkasten und steckt sich alles mögliche an Besteck in den Mund. Eine andere Frage war, ob es Nachteile mit sich bringt Jude zu sein. Er nimmt eine Banane vom Buffet, bearbeitet die Spitze mit einem Messer und steckt sie sich in den offenen Hosenschlitz. Wir haben alle sehr gelacht.

Und generell liebster prominenter Zeitgenosse vor Deiner Kamera? Und gewünscht bzw. wer fehlt noch?

Erst einmal möchte ich sagen, dass ganz allgemein Musiker und Schriftsteller - und dann vielleicht noch Politiker - bisher die besten und spontansten Ergebnisse brachten und somit für mich am spannendsten waren und sind. Unvergessen auch das Shooting mit Sarah Wagenknecht (deutsche Politikerin, Publizistin und seit 2010 stellvertretende Vorsitzende der Partei Die Linke). Schauspieler brauchen oft Regie habe ich das Gefühl. Wenn sie dann aber eine Idee gefunden haben, legen sie los.

Und wenn Du mich zu meinem beeindruckendsten Prominenten in meiner Karriere fragst - das war eindeutig das Prince-Shooting für ein MAX-Cover inklusive achtseitiger Strecke in Monaco. Ich weiss nicht ob das bei Dir genauso war, aber früher war man entweder Michael Jackson oder Prince Fan. Und ich war und bin ein Riesen Prince-Fan. Das Shooting war der Hammer, es war unglaublich intensiv. Bei Prince habe ich, was mir wirklich ganz selten passiert, ganz im Ernst seine Aura gespürt. Wenn er den Raum betrat spürtest Du das.

Das Shooting hat insgesamt nur 35 Minuten gedauert, ich schoss 200 Bilder, jedes davon wie ich finde perfekt was Prince anging aber auch im Hinblick auf die Stimmung, das Licht, die Energie, die Komposition. Hinterher hatte ich das Gefühl nicht ein einziges Mal Luft geholt zu haben, ich war schweissgebadet.

Wen ich gerne noch fotografieren würde? Papst Franziskus finde ich spannend. Man hat den Eindruck schon nach seinen wenigen Monaten im Amt dass da endlich was passiert .....

Gehen wir zurück zu Deinem fotografischen Anfang. Richtig in Gang kam Deine Karriere mit dem legendären TEMPO Magazin. Magst Du uns hierzu was erzählen? Auch zu dem Foto mit Willy Brandt?

Nach meiner Fotografen-Ausbildung wollte ich eigentlich assistieren - entweder bei Helmut Newton oder bei Peter Lindbergh. Irgendwie habe ich aber beide verpasst - und ein Freund sagte mir, dass in Hamburg ein neues Magazin auf den Markt kommt, von dem man noch nicht mal den Namen wusste bzw.das noch keinen hatte. Ich habe mich da natürlich sofort bei dem damaligen Chefredakteur Markus Peichl und AD Lo Breier vorgestellt . Scheinbar gefiel ihnen meine Mappe, die damals ein wenig einen Berlin-Underground-Look hatte und sie sagten, alles klar, mach mit.

Für mich war natürlich alles neu, es war der Knaller. Gleich in der ersten Ausgabe des Magazins hatte ich drei Geschichten, in der zweiten dann auch noch das Cover. Absolut verrückt und alles ohne auch nur einen Tag assistiert zu haben. Was vielleicht auch das Gute war, so war ich völlig frei und unvorbelastet, das war alles im Jahr 1987, da entstand übrigens auch das Foto auf das Du anspielst.

Wir hatten ein Interview mit Willy Brandt bekommen, alleine schon eine Sensation damals. Aber die Fotos die es gab gefielen der Redaktion nicht, sie wollten ein Querformat für eine Doppelseite als Opener. Also durfte ich als Fotograf mit zum Termin. Wir hatten genau eine Stunde Zeit für das Interview - und dann noch ganze drei Minuten für das Foto. Während des Interviews baute ich schnell meinen kleinen Set mit Licht auf. Dann kam Herr Brandt, ich wünschte kurz "Guten Tag" und begann zu fotografieren. Alles Hochformat. Nach zweieinhalb Minuten fiel mir das docj noch auf .... also noch schnell drei Querformate hinterher geknipst. Insgesamt habe ich dann 23 Bilder fotografiert, aber eines der drei Querformate ist es dann geworden.

2004 war Deine letzte Buchpublikation. Arbeitest Du gerade an einer Neuen?

1996 hab ich das Buch „Portrait of a Generation-TheLove Parade Family Book“ herausgebracht, das auch sehr erfolgreich war. Für das Buch von 2004 hat sich dann leider keiner mehr so richtig interessiert. Es ergab sich keine nennenswerte Ausstellung und auch nicht wirklich Presse, ich hatte das Gefühl es ging einfach so unter. Der Sammlermarkt für Fotobücher in Deutschland ist sehr überschaubar, er besteht gefühlt nur aus rund 1000 Personen. Man unterschätzt, dass ein Buch zu machen einfach auch wahnsinnig viel Arbeit bedeutet. Und im Augenblick habe ich das Gefühl, dass die Zeit für große und aufwendig produzierte Bücher einfach vorbei ist.

Heutzutage gibt es einfach niemanden der konkurrenzlos ist, dessen Buch man unbedingt haben muss. So viele große Fotobuchverlage sind einfach verschwunden. Heute kommt alles direkt aus dem Netz, das betrifft Bücher genauso wie Magazine oder Tageszeitungen. Heutzutage würde ich Fotografen empfehlen statt teure Bücher zu drucken, Ausstellungen mit den eigenen Arbeiten und signiertem Direktverkauf zu organisieren.

Wenn man solange auf diesem Niveau im Geschäft ist – wie erfindet man sich neu? Oder muss man das gar nicht?

Alles was Du machst hängt mit deiner Seele, deiner Herkunft, deinen Genen zusammen, all das spiegelt sich in Dir und Deiner Arbeit wider. Man muss neugierig bleiben. Mein Motto ist "die Alten achten und sich für die Jungen interessieren". Junge Menschen gehen oft ganz anders an die Dinge ran, finden andere Lösungen, haben andere Blickwinkel, .... und genau das inspiriert mich. Wie ich es dann verpacke, das bin dann ich. Übrigens sagen auch oft die Leute zu den "Sagen sie jetzt nichts!"-Geschichten, dass man alleine schon an der Handschrift erkennt, wer von uns es fotografiert hat.

Ein Geheimnis das du mit uns hier teilen willst?

Ich habe wirklich eines : ich kann ganz schwer Menschen beim Weggucken fotografieren. Manche scheinen das zu mögen, mir fällt es schwer. Bei mir sind die Augen das Allerwichtigste. Da entsteht der Kontakt.

Letzte Frage : Der Wert der Postproduction – Deine Meinung?

Prima zum Pickel weg machen und gegen Augenringe.

© Alfred Steffen